Laufende Forschungsprojekte

Überblicksdarstellungen

  • Eine Erfahrungsgeschichte der Technik (Thomas Hengartner) Das Forschungsvorhaben untersucht die Einschreibeprozesse von Technischem - als zentraler Bestandteil und Motor des »Projekts Moderne« - in den Alltag. Im Vordergrund steht die Erfahrungsdimension der Technik bzw. der »Sitz der Technik im Leben«. Anders als in der bisherigen Technikgeschichtsschreibung und auch anders als in der Techniksoziologie dienen in erster Linie biographische Materialien und lebensnahe Quellen, wie sie im Rahmen des Forschungsprojekts »Technik als biographische Erfahrung« und im Rahmen der Aktivitäten des »Forschungskollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung« erhoben wurden, als Quellenbasis der Darstellung. Ziel ist es, im Verbund mir einem Mix aus weiteren Quellen und Materialien die Technisierungsprozesse des Alltags, genauer: des alltäglichen Denkens, Handelns und Deutens darzustellen, zu analysieren und zu interpretieren.Handlungsleitend für eine Erfahrungsgeschichte der Technik sind daher u.a. folgende Gesichtspunkte:
    • Sie nimmt Technik nicht erst dann in den Blick, wenn sie bereits »in die Welt gesetzt« ist, sondern bezieht auch das mit ein, was in Technik eingeschrieben ist, d.h. sie widmet sich auch der »Genese« von Technischem und dabei nicht bloß dem Artefakt, sondern auch den Vorstellungen und Wünschen, Ängsten und Hoffnungen, die dieses bündelt. Nicht zuletzt berücksichtigt sie nicht nur Handlungsanforderungen, sondern auch Handlungsoptionen, die sich aus dem Umgang mit Technik ergeben.
    • Sie betrachtet Technik nicht isoliert, sondern reflektiert deren »Sitz im Leben«, d.h. den offenen oder verdeckten, den bewussten oder meist unbemerkten Einfluss von Technischem auf die Art und Weise der Lebensgestaltung.
    • Sie ist somit Technikgeschichte aus der Akteurs- und Nutzerperspektive.
    • Sie vertritt einen umfassenden Ansatz, der dinglich-materiellen, der soziokulturellen und der »subjektbezogenen« Dimension Rechnung trägt, aber auch ethisch-moralische, rechtliche, ökologische und ökonomische Katoren berücksichtigt.
    • Sie vermeidet damit eine isolierte Sicht auf Technik und fokussiert stets auch deren Kontextgebundenheit.
    • Sie berücksichtigt die »Technizität« von Alltag und Gesellschaft, bzw. die »Kultürlichkeit« von Technik, d.h den Umstand, dass Technisches allgegenwärtiger Bestandteil unserer Wissens-, Handlungs- und Orientierungssysteme geworden ist.
    • Sie ist einem erweiterten Verständnis von Technik verpflichtet, das Technik nicht notwendigerweise an deren dinglich-physikalische Existenz bindet, sondern z.B. auch den Umgang mit der zentralen Ressource »Wissen« in den Gegenstandsbereich integriert.
    Ausgehend von einer zunehmenden Verwobenheit von Sozialem, Kulturellem und Technischem als einer der zentralen Grundlagen und Signaturen der Moderne werden ausgewählte technische »Leitfossilien einer Archäologie der Moderne« exemplarisch dargestellt.

Kontrolltechnologien

Medien - Technik

  • Vom Tagebuch zum Weblog (Arbeitstitel) (Dissertation: Anneke Wolf) Das Forschungsvorhaben soll sich mit der Frage nach der Aneignung von und dem Umgang mit technischem Wissen am Beispiel des Personal Computers beschäftigen. Der Personal Computer eignet sich hierfürr besonders, da er im alltäglichen Umgang im Vergleich zu anderen technischen Artefakten ein hohes Maß an individueller Technikaneignung erfordert, was eine aktiv-reflektierte Auseinandersetzung mit sich bringt. Gleichzeitig lässt sich im Umgang mit dem PC ein breites Spektrum - vom reinen Anwender bis zum institutionell legitimierten EDV-Fachmann - an Nutzergruppen mit unterschiedlichen Wissensbeständen finden. Die Arbeit soll sich dem Themenbereich wie folgt annähern.

    Zunächst geht es um die Ermittlung konkreter Zugangsmöglichkeiten und Begrenzungenbei der Aneignung technischen Wissens. Hierzu gehört erstens der Verfolg der technischen Entwicklung des Personal Computers und seinen unterschiedlichen Handlungsanforderungen. Zweitens bedeutet dies die Frage, in welchem institutionellen oder privaten Rahmen Computerwissen generell erworben werden kann. Und drittens ist zu klären, wie sich die Aneignung im Alltag tatsächlich vollzieht und von den Beteiligten erlebt und beschrieben wird.

    Auf einer weiteren Ebene ergibt sich die Frage, ob und welche Auswirkungen Wissensunterschiede auf die soziale Position der Akteure haben. Hierzu gehört zunächst die Herausarbeitung unterschiedlicher "Wissenstypen" von Computernutzern. Ebenfalls geht es um die Erarbeitung des Zusammenhanges zwischen technischen Wissen und der Position innerhalb des sozialen Feldes (Pierre Bourdieu). Hierzu gehört aber vor allem auch die empirische Untersuchung von konkreten Praktiken des Statuserhaltes- und der Statuserzeugung, d.h. ob und ggf. auf welche Art und Weise der Status beansprucht, erworben und legitimiert wird. Und weiter, welche Selbst-, Fremd- und Technikbildern hierbei zum tragen kommen.

    Die Arbeit verfolgt einen multimethodischen Ansatz, der neben der Durchführung themenzentrierter Interviews auch Quellen- und Feldstudien mit einschließt.
  • Einflüsse und Nutzungspotenziale des Internets für die Stärkung demokratischer und zivilgesellschaftlicher Strukturen im subsaharischen Afrika (Tilo Grätz, Thomas Hengartner, Klaus Schönberger 2006, unveröfftl. Gutachten im Auftrag des Deutschen Bundestages) (abgeschlossen)

Mensch - Maschine

  • Fahrradfahren als "Körpertechnik". Technisierung und "Technizität" des Körpers im Radsport (Dissertation: Katrin Petersen)Mit dem Sieg Jan Ullrichs bei der Tour de France im Jahr 1997 brach in Deutschland eine Welle der Begeisterung für den Radrennsport aus. Ab 2002  rückte dagegen vielmehr das Thema Doping in die mediale Aufmerksamkeit. Die Doping-Debatte war und ist dabei vor allem moralisch-ethisch geprägt. Einerseits geht es bei Bekämpfung der so genannten »Leistungsmanipulation« um Chancengleichheit und Fairness, andererseits um die Grenzen einer »Technologisierung« des »natürlichen« Körpers und dessen Leistungskraft.
    Fahrradfahren erfordert die Habitualisierung komplexer Bewegungsabläufe, hinter denen kontextspezifische Vorstellungen des Umgangs mit Artefakt und Körper stehen. Ob Radsport oder Straßenverkehr, je nach Situation ist eine bestimmte Handhabung des Geräts erwünscht, bzw. sind spezifische (sensomotorische) Fähigkeiten gefordert. Folgt man Bruno Latour, so verändern sich in dieser Interaktion von Mensch und Artefakt sowohl die Akteure als auch die Dinge. Es entsteht etwas Neues, ein Hybridwesen: der/die Fahrradfaher/in.
    Die Frage nach der körperlichen Dimension des Umgangs mit Technik ist dabei bisher nur wenig beleuchtet worden, obwohl gerade eine praxeologische Herangehensweise auf die grundlegende Bedeutung eines körperlich verfassten »praktischen Wissens« im Rahmen der Selbstverständlichkeit des »Doing Culture« verweist (Hörning, 2004). »Sachtechnik« und »Körpertechnik« gehen also miteinander einher (Hirschauer, 2004, S. 79).
    Gerade im Hinblick auf die Gewöhnung an und das »Gewohnt-Sein« von Technik (Hengartner, 2005, 52ff) rückt die Einübung und Habitualisierung spezifischer Körpertechniken in den Blick. Nicht zuletzt lassen sich auch gerade im Sport Körperbilder und Wissenshorizonte nachvollziehen, die in höchstem Maße technisch geprägt sind. Vier Fragekomplexe stehen im Mittelpunkt des Forschungsvorhabens:
    • Verhandlungen und Ausgestaltungen der Artefakte
    • Verhandlungen und Zurichtungen der Körper
    • Performanzen und Praxen
    • subjektive Erfahrungs-, Wissens- und Deutungshorizonte (insbes. subjektives Körper- und Bewegungswissen)
    Im Fokus der Untersuchung stehen in erster Linie Sportvereine und deren Akteure (SportlerInnen, TrainerInnen, Funktionäre). Außerdem sollen weitere Institutionen des Radrennsports einbezogen werden. Weiterhin sollen im Rahmen einer Diskursanalyse u.a. Ratgeber, Medienberichte wie auch Marketinginstrumente des Radsports untersucht werden.
    Nicht zuletzt soll mit diesem Promotionsvorhaben ein methodisches Experimentierfeld mit dem Ziel einer »Entgrenzung der Methoden« (Schönberger 2005) betreten werden. Dies gilt sowohl im Hinblick auf evozierende Fragetechniken und eine Ethnographie der Sinne (Bendix 2006) als auch für die Auslotung von Grenzen und Möglichkeiten der Beobachtung. Schließlich soll das Konzept der teilnehmenden Beobachtung hin zu einer beobachtenden Teilnahme weiter entwickelt werden (Honer 1989, S. 300).

Mobilität

  • AlltagsRaum Auto. Innensichten individueller Mobilität (Dissertation: Uta Rosenfeld)Seine Privatheit uns seine gleichzeitige, 'auffällige Omnipräsenz' kennzeichnen die Alltäglichkeit des technischen 'Gebrauchsgegenstands' Automobil. Jederzeit verfügbar, bietet der Privatwagen Autonomie wie kaum ein anderer Ort. Aus der »Innenperspektive« zeigt sich das Auto zunächst als ein »mobiler Raum« mit und für spezifische Verhaltens- und Wahrnehmungsweisen (vom Fahr"feeling" über die Umweltwahrnehmung aus der Autofahrerperspektive bis hin zum Auto als individuellem Rückzugs- oder Freiraum). Darüber hinaus wird das Auto als »Raum des &U;bergangs« beispielsweise zwischen Sphären wie Öffentlichkeit und Privatheit, Freizeit und Arbeit oder genereller zwischen unterschiedlichen Lebens- und Erlebnisbereichen erfahren. Nicht zuletzt kommt dem Automobil eine zentrale Bedeutung für die Aushandlung und Ausgestaltung von Aktionsräumen oder räumlichen Horizonten des Lokalen zu.

    Welche Rolle dieser »Privatraum Auto« im Alltag der Menschen spielt, wie sich die Fahrzeit (durchschnittlich 1 Stunde pro Tag) gestaltet, wie Außen-Raum und Zeit autonom und -mobil von innen heraus erlebt werden und für welche Kommunikationsformen das Auto Raum bietet, sind zentrale Fragen des Forschungsprojekts. Im Gegensatz zur Anfangszeit des Automobils, aus der es  zahlreiche Beschreibungen der Spezifik automobiler Fortbewegung gibt, wird diese mit zunehmender Veralltäglichung weder in der (Fach)Literatur, noch im öffentlichen Diskurs über das Auto kaum mehr thematisiert. Betont wird vielmehr entweder der rein praktische Gebrauchswert des technischen Artefakts Auto  (Wegüberbrückung von A-B), d.h. seine tägliche Nutzung. Im gesellschaftlichen Diskurs hingegen wird die symbolische Bedeutung des Autos auffallend stereotyp verhandelt: es wird auf seine Bedeutung als »Vehikel« für Status, Macht und Freiheit reduziert.

    In Anbetracht der offenkundigen Einschränkungen der praktischen wie der symbolischen Werte durch die anhaltende Massenmotorisierung, scheint die ungebremste Beliebtheit des Autos kaum noch verständlich. Was sind es also für individuelle Bedeutungen im Autoalltag, die den Reiz an der Automobilität ausmachen, selbst wenn diese zunehmend von außen beschränkt wird? Diesen öffentlich-stereotyp verhandelten Bedeutungen des Autos steht ein auffallend breit gefächertes Spektrum von Aussagen gegenüber, in denen ganz alltägliche und unspektakuläre Erlebens- und Erfahrungsmomente im Autoraum hervorgehoben werden.

    Dieser Bedeutungsvielfalt wird auf der Grundlage unterschiedlichster Quellen, wie Medien- und Presseerzeugnissen, Leserbriefen und Schreibaufrufen, empirischen Verfahren wie themenzentrierten Interviews sowie der Analyse eines umfangreichen Korpus von Liedern und Songs nachgegangen. Damit wird sichergestellt, dass bei einem derart symbolisch und ideologisch aufgeladenen Thema wie dem Auto nicht einfach die diskursiv vermittelten Einstellungen zum Autoverkehr, sondern auch die alltäglichen und individuellen Bedeutungen des Autofahren erfasst werden. Gerade in der populären Musik etwa kommt eine überraschende Fülle an Aspekten zum Fahr-Erleben zur »Sprache«, zumal sich Lieder- und Songtexten v.a. assoziativer Verweise auf Erlebnis- und Erfahrungsmomente bedienen.

    Im Vordergrund steht also die Frage, nach der Verschränkung von diskursiven und subjektiven Bedeutungen, nach der Wirkmächtigkeit diskursiver Muster im Alltag und danach, wie die Verengung der gesellschaftlichen Sichtweise auf das Auto möglicherweise gerade den nötigen Freiraum für ein reichhaltiges alltägliches Bedeutungsspektrum schafft.
  • Alltag zwischen Departure und Arrival. Eine Ethnografie des Unterwegs seins. (Dissertation: Kerstin Schaefer) Aeromobil in der ganzen Welt unterwegs zu sein, ist für viele Menschen inzwischen alltäglich, denn seit den 70er Jahren gehört das Flugzeug zu einem unserer Massentransportmittel. Ausgelöst wurde diese Entwicklung einmal durch die technische Erfindung der Jets, die mehrere hundert Menschen transportieren konnten, und zum zweiten aufgrund von organisatorischen Umstrukturierungen des Flugablaufs durch die sogenannten ‚Billigfluggesellschaften‘.
    Alle sprechen von Globalisierung, doch wie wir tatsächlich fliegender Weise in der ganzen Welt unterwegs sind (beruflich, privat, freiwillig oder zwangsweise), wie das Lebensweisen und Lebensformen prägt, wie es Identitäten, Handlungsmuster und Routinen verändert – das alles ist kulturwissenschaftlich noch wenig untersucht.
    Die Passagierluftfahrt hat nicht nur eigene technische Standards geschaffen, sondern auch eine eigene Ästhetik hervorgebracht. Vom abenteuerlichen, exklusiven und teuren Vergnügen hat sich Fliegen zu einem alltäglichen Phänomen entwickelt, was auch an den Gestaltungen abzulesen ist. Flughafen und Flugzeug sind niemals nur Durchgangsstationen und Transportmaschinen, sie sind vielmehr ästhetische Mikrokosmen, die in den vergangenen hundert Jahren eine eigene architektonische Form- und Symbolsprache, eine Welt mit eigenen Verhaltensregeln und sogar eine eigene Währung (Bonusmeilen) entwickelt haben. Und die Nutzer haben gelernt, diese zu verstehen. In den 1990er Jahren stellten Flughafen und Flugzeug für den französischen Soziologen Marc Augé noch Archetypen von identitätslosen „Orten der übermoderne” dar, in denen nichts Soziales stattfindet. Mehr als 15 Jahre später müssen Augés Perspektiven auf Transithaftigkeit neu angeschaut werden. Was gibt es nach dem jahrelangen Einüben des Fliegens an Deutungen, Umdeutungen, Verhandlungen und Aushandlungen? Was hat sich für eine Kultur des Fliegens entwickelt? Wie würde man Mobilität heute ethnografieren? Unterwegs-Sein ist mehr als der Weg von A nach B und sollte als Zustand ernst genommen werden.
    Gerade die Frage nach Material und Form, aber auch die Beschäftigung mit Standardisierungen, Raumordnungen und Geschwindigkeiten – immer von den sozialen Akteuren her gedacht – verspricht dem ebenso mobilen wie aufgeladenen Raum Flugzeug zwischen den Orten und Zeiten sowie den dadurch veränderten Mobilitäten unserer Zeit auf die Spur zu kommen.

Nichtmenschliches Technik-Handeln

  • Widerspenstige Gebäude (Dissertation: Anke Rees) Es gibt Gebäude, die sind anders als andere. Die Zeit hat sie in Kontexte versetzt, in die sie nicht (mehr) zu passen scheinen und aus denen heraus sich keine Nutzung aufdrängt. Solche Gebäude sind Symbol von Vergangenem, bieten Orientierung im öffentlichen Raum und sind manchmal zu Metaphern fehlgeleiteter Stadt(teil)planung geworden. Einige dieser modernen Ruinen lassen sich nicht einfach umnutzen, umbauen oder abreißen – solche Gebäude sind widerspenstig.

    Was macht die Widerspenstigkeit moderner Ruinen aus? Der Frage widmet sich diese interdisziplinär angelegte Forschungsarbeit am Beispiel der so genannten Schiller-Oper in Hamburg, einem Stahlskelettbau aus dem Fin-de-Siècle. Sie ist das letzte erhaltene Zirkusgebäude aus jener Zeit in Deutschland, das in dieser Art errichtet wurde, und damit ein seltenes Zeugnis der Ingenieurbaukunst des 19. Jahrhunderts. Sie ist außerdem ein Denkmal für die Unterhaltungskultur der Hansestadt um die vorvorige Jahrhundertwende. Trotz immer wieder aufkommenden Abrissdiskussionen, einer langen Umnutzungs- und Leerstandsgeschichte steht das Gebäude heute im Prinzip da wie bei seinem Bau vor über 120 Jahren. Wie ist das möglich geworden, noch dazu in so prominenter Lage in der Innenstadt?

    Im Sinne der Akteur-Netzwerk-Theorie und unter Hinzunahme von Atmosphärenkonzepten sollen archivalische Quellen und Zeitzeugenberichte über die Schiller-Oper daraufhin analysiert werden, welche Konstellationen ihr Überleben gesichert haben. Zugrunde gelegt wird dabei die These, dass Materialitäten, Verbündete und Atmosphären im Zusammenspiel Architekturen stabilisieren können und so ihr Überdauern ermöglichen. Die Arbeit fragt danach, welche handlungsermöglichenden und -begrenzenden Impulse und Bedingungen von Akteuren ausgehen oder durch sie geschaffen werden. Und letztlich: Wie können Architekturen bzw. wie kann der dynamische Prozess 'Stadt’ begriffen und operationalisiert werden?

Raumkulturen

  • Raumkulturen des Büros (1880-1930) (Thomas Hengartner und Gianenrico Bernasconi) Das Projekt vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderte Projekt (2012-2014) untersucht die Entstehung und Entwicklung des Büro-Raums zwischen 1880 und 1930 in der Schweiz. In der bisherigen Forschung stand die Verbreitung des scientific management und die Entwicklung von Arbeitstechniken bzw. Technik für die Arbeit in der Verwaltung im Sinne einer social construction of technology im Vordergrund. Ebenso haben sich sozialgeschichtliche Untersuchungen und solche aus den gender studies mit dem Büro beschäftigt. Ihr Interesse galt dabei besonders dem Aufkommen des Angestellten als neuer sozio-professioneller Figur. Zudem ist diese mit dem neuen Berufsstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts einhergehende Feminisierung als wesentlicher Aspekt der Geschichte der Arbeit beschrieben worden.
    In der vorliegenden Untersuchung wird – darüber hinausgehend - das Büro als Form einer „Verräumlichung“ der Verwaltungsarbeit betrachtet und als hybrides Phänomen in den Blick genommen. Ziel ist es, herauszuarbeiten, dass und wie der euklidische Raum der Innenarchitektur einerseits von sozialen, technischen und kulturellen Faktoren bestimmt wird und andererseits selbst soziale und kulturelle Fakten schafft. Diese „Verräumlichung der Verwaltungsarbeit“, genauer die Wechselbeziehungen zwischen verschiedenen Phänomenen im Rahmen eines einheitlichen räumlichen Kontextes, soll mit dem Begriff „Raumkulturen des Büros“ erfasst werden.
    Ausgehend von diesem Raumverständnis wird im vorliegenden Projekt ein Ansatz zum Neuverständnis der Entwicklung des Büros mithilfe des Foucaultschen Begriffs des Dispositivs entwickelt: Büro wird verstanden als heterogener Komplex, welcher Teil einer Machtstrategie ist. Das Büro als Raum zu analysieren heißt daher, darin die Beziehungen zu analysieren, die zwischen den Regeln des scientific managemant und der Techniken seiner Umsetzung bestehen. Dazu gehört auch der Blick auf die Formulierung der Kenntnisse, die zur spezifischen Gestaltung und zur Normierung von Büroräumen gebraucht werden, also Kenntnisse über Innenarchitektur und Hygienismus. Ein weiterer Aspekt ist schließlich das Aufkommen eines – stark weiblich geprägten - neuen Berufsstandes und einer neuen sozio-professionellen Figur – nämlich derjenigen des bzw. der Angestellten. Ein auf das Büro angewandter Begriff des Dispositivs ermöglicht nun, die Entstehung dieses Arbeitsraums vor dem Hintergrund von Konflikten und Verhandlungen zu sehen – zwischen Unternehmern, Angestellten, Berufsverbänden und dem Staat. Diese aus der Beteiligung so verschiedener Konfliktparteien entstehende Heterogenität lässt die Bürokulturen entstehen, deren Analyse sich an der médiation technique Bruno Latours orientiert.
    Das Projekt berücksichtigt und untersucht eine ganze Reihe von bislang unausgeschöpften Quellen zur Entstehung des Büroraums in der Schweiz. Ziel ist es dabei, die epistemische Rolle eines Raumes zu beleuchten, der Akteur und Sediment der Geschichte zeitgenössischer Gesellschaften ist. Zugleich soll auf die kulturelle Bedeutungsvielfalt von Arbeitsräumen aufmerksam gemacht werden, die Orte beruflichen, sozialen und politischen Lernens sind.

Selbst - Technologien

  • Writing Culture? Re-Präsentationstechniken im qualitativen Interview (Dissertation: Christine Oldörp) 
    Die Writing Culture-Debatte hat das Augenmerk auf die ethnologische Darstellungsweise des Anderen gelenkt. Diese Darstellung des Anderen wurde im Zuge dessen als interaktional hergestellte, narrativ geprägte und inskribierende Praxis der Repräsentation verstanden. Wobei mithilfe dieser Repräsentationspraxis das Selbst erst als Selbst und der Andere erst als Anderer? nämlich in einem distanzierenden Akt der Ver-Anderung vom Selbst? hergestellt wird. Das Augenmerk lag dabei allerdings eher auf der endgültigen Repräsentation des Anderen in schriftlichen Publikationen, denn auf den Repräsentationstechniken im Vollzug des Forschungsprozesses selbst, in denen der Medienwechsel vom Mündlichen zum Schriftlichen Schritt für Schritt vollzogen wird. Dies nämlich vom Sprechen in der mündlichen Erhebungssituation, über das Hören der Aufnahme, hin zum Transkribieren und über die Analyse zur Redewiedergabe in der Publikation.
    Diese Ver-Schriftlichung des gesprochenen Wortes vollzieht dabei den vielleicht offensichtlichsten Wechsel vom Mündlichen zum Schriftlichen in der Verschriftung, also in der Transkription. Was aber geht alles vom gesprochenen Wort in der Schrift nicht auf? Welche Ver-Anderungsmomente durchläuft das mündliche Sprechen von der Erhebung bis zur Publikation?
    Mit Foucault kann man die empirische Erforschung des Individuums als eine Technologie begreifen. Als eine strategisch ausgerichtete Verflechtung von Wissens- und Machttechniken, die sich als dispositive Schriftmacht artikulieren und die im Falle mündlicher Interviews gerade auf das gesprochene Wort abzielen. Mithilfe eines Aufzeichnungsapparates wird dabei das Individuum als beschreib- und analysierbarer Gegenstand in seinen Besonderheiten dokumentiert und ein analytisches Vergleichssystem aufgebaut, das die Messung globaler Phänomene erlaubt.
    Unter den Repräsentationstechniken kommt der Tonaufnahmetechnik eine besondere Relevanz zu, weil sie an der Schnittstelle von Mündlichkeit und Schriftlichkeit steht. Welche sprachlichen Umgangsweisen mit der Ver-Tonung, d.h. mit der Verdauerung des gesprochenen Wortes etablieren sich hier? Welche gesprächsbildende Relevanz kommt der Tonaufnahmetechnik zu? Lassen sich hier der Verdauerung inhärente Subjektivierungs- also Selbstermächtigungsweisen nachweisen?
    Im themenzentrierten Interview fungiert darüber hinaus der Leitfaden als eine Schrift-Macht im Hintergrund der Interviews, der über eine Konstanz der Fragen eine Vergleichbarkeit der verschiedenen Interviews sichert und damit auch erst erlaubt, analytische Differenzierungen zwischen den Individuen vorzunehmen, und so Individualisierungen abzuheben. Dem Interview als Gesprächsform unterläge hier in der Fragetechnik eine spezifisch ausgerichtete Wissens- und Machttechnik, auf deren Basis das Selbst erst hervorgerufen wird. D.h. mit Foucault wird nicht von einem prädiskursiven identitären Selbst ausgegangen, sondern davon, dass das Selbst erst durch die Befragungstechnik in seiner Individualität in einer Art Selbstprüfung Gestalt annimmt.
    Zunächst wird hier zu fragen sein, inwiefern sich die Fragetechnik auf den Vollzug des Gesprächs auswirkt. Inwiefern stellt das Erhebungsinstrument des Frageleitfadens eine textuelle Wirklichkeit der Verfestigung mündlichen Sprechens her und inwieweit wirkt er im Hintergrund der Interviews auf die Markostruktur des Gespräches im Sinne einer Gesprächsführung ein? Weiter wird zu fragen sein welche Umgangsweisen mit dem "Zugzwang" zur Antwort, d.h. zur Ver-Antwortung der eigenen Gesprächsbeiträge sich auffinden lassen. Lässt sich bei den Interviewten ein taktisches Manövrieren mit den Fragevorgaben nachweisen im Sinne eigener und eigenmächtiger Verbalisierungsbedürfnisse, oder unterwerfen sie sich dem strategischen Wissens- und Macht-Regime der Fragen? Gibt es auch jenseits des Antwortens gänzlich eigenständige Verbalisierungsstrategien der Interviewten? Aber auch die Analyse dialogisch hergestellter Daten wird erprobt: Welche analytischen Zugriffe auf Gesprächsdaten lassen sich schematisieren und was machen sie aufgrund ihres analytischen Zugriffs aus den Antworten der Interviewten? Wird der Andere durch diese Zugriffsweisen zum „Objekt einer Information“ gemacht oder als „Subjekt einer Kommunikation“ anerkannt? Und welchen epistemologischen Transformationen ist das Sprechhandeln durch seine Analyse ausgesetzt?
    Das qualitative Interview dient in den Kulturwissenschaften immer auch einem Verständnis des Selbst. Im Interview zur Sache, also im themenzentrierten Interview geht es immer auch um die Ver-Sprachlichung eigener Erlebnisse und Ansichten. Im Interview zur Person, also im biographisch ausgerichteten Interview stehen Selbstthematisierungen im Vordergrund.
    Doch wie wird dieses Verständnis von beiden Beteiligten – Interviewer und Interviewten – bewerkstelligt? Gewinnt das Selbst der Interviewten im Zuge dieses Verstehensprozesses bzw. dieser „Hermeneutiken des Selbst“ erst an Kontur, wird es damit in gewisser Weise also erst intersubjektiv hervorgebracht – wie dies Foucault für die wissenschaftlich transformierten Geständnispraktiken hervorhebt –, oder ist das Selbst der Interviewten seiner Ver-Sprachlichung vorgängig? Und wenn dieses Selbst performativ hergestellt wird, kann sich dann im Reden über sich selbst nicht nur ein ad hoc immer wieder überarbeitetes, sondern auch ein plurales Ich zeigen?
  • Soziale Konstruktion im Sprechen über prekäre Arbeitsverhältnisse (Dissertation: Ove Sutter)Der Arbeitstitel meines im Oktober  2007 begonnenen Dissertationsprojekts lautet “Selbstdarstellungen im Sprechen  über prekäre Arbeitsverhältnisse“. Die Relevanz des Themas entsteht  durch gegenwärtig anhaltende Veränderungsprozesse der Erwerbsarbeit, die sich  durch eine zunehmende Prekarisierung und gleichzeitige Flexibilisierung sowie  Subjektivierung von Arbeitsverhältnissen auszeichnen (Schönberger 2007).Nicht wenige Veränderungen der  Arbeitswelt wurden und werden in bedeutendem Maße durch technische Innovationen  vor allem in den Bereichen der Informations- und Kommunikationstechnologie  ermöglicht, strukturiert und vorangetrieben. Aus diesem Grund bildet die  technikkulturelle Perspektive einen wichtigen Teilbereich des  Forschungsprojekts. Dabei wird dem Grundgedanken des Konzepts Kulturwissenschaftlicher  Technikforschung gefolgt, dass „Technisches allgegenwärtiger Bestandteil  unserer Wissens-, Handlungs- und Orientierungssysteme  geworden“ und somit von einer „Kultürlichkeit der Technik“ (Hengartner 2004) auszugehen  ist. Angesichts dessen stellt sich mit  Blick auf prekäre Arbeitsverhältnisse für eine biographisch ausgerichtete  volkskundlich-kulturwissenschaftliche Technikforschung die Frage, wie sich der  alltägliche Umgang mit Kommunikations- und Informationstechnologie in die Selbstwahrnehmung  und Selbstdarstellung prekär Erwerbstätiger einschreibt, wie sich also das  Verhältnis von Selbst und Technik im Zusammenhang prekärer Arbeitsverhältnisse  gestaltet.Auch muss untersucht werden,  welche neuen mündlichen Darstellungsformen, wie z.B. spezifische narrative  Ordnungsmuster oder rhetorische Figuren im Sprechen über sich selbst angesichts  sich weiter verändernder Erwerbsarbeitsbedingungen ausgebildet werden (Herlyn  2007). Im Anschluss daran wird auch gefragt, in welchem Maße mittlerweile  sprachliche Selbstentwürfe technisch durchdrungen sind (Oldörp 2007).Die empirische Basis der  Forschung bilden qualitative Interviews mit prekär Beschäftigten unterschiedlicher  Erwerbsarbeitsfelder unter vergleichender Berücksichtigung des im Rahmen des  Hamburger Forschungsprojekts „Technik als biographische Erfahrung“ erhobenen  Materials aus Interviews mit Beschäftigten des Dienstleistungssektors.Ziel des Forschungsvorhabens ist  es, einen empirischen Beitrag zur Darstellung prekär Erwerbstätiger im medialen  wie sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskurs zu leisten.
      Darüber hinaus soll das  kritisch-reflexive Wissen über die methodischen und sprachlichen Bedingungen  der empirischen Grundlagen kultur- und sozialwissenschaftlicher Erforschung von  prekären Arbeitsverhältnissen erweitert werden.

Technik als biographische Erfahrung

Technik ausstellen

  • Gegenwart und Zukunft der Kommunikation (Thomas Hengartner, Katrin Petersen, Oliver Rump)Mit dieser Frage beschäftigten sich Studierende des Instituts für Volkskunde/Kulturanthropologie der Universität Hamburg fast zwei Jahre in einem gleichnamigen Projektseminar (2004–2006). Unter der Leitung von Professor Dr. Thomas Hengartner und Katrin Petersen (Forschungskolleg Kulturwissenschaftliche Technikforschung) sowie Dr. Oliver Rump (Museum für Kommunikation Hamburg) erarbeiteten die Studierenden schließlich ein Ausstellungskonzept, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Am Anfang des Projektseminars standen grundlegende Forschungs- und Recherchearbeiten. In Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Ansätzen musealer Vermittlung entwickelten die Studierenden daraufhin Ideen für die kreative Darstellung ihrer Untersuchungsergebnisse. Im Anschluss des Projektseminars bildete sich eine AG, die die Ausstellung gemeinsam mit der Firma Kalliope MuseumService umsetzte. Erstmals wurde die Ausstellung – gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) – auf dem Wissenschaftssommer vom 9. bis zum 15. Juni 2007 in Essen präsentiert. Vom 24. Januar bis zum 24. März 2008 war sie im Museum für Kommunikation Hamburg (www.museumsstiftung.de/hamburg) zu sehen. Die Ausstellung „Gegenwart und Zukunft der Kommunikation“ stellt die alltäglichen Erfahrungen des Umgangs mit Technik in den Vordergrund. Gerade Mobiltelefon und Internet sind längst selbstverständliche Bestandteile des Alltags und seiner Handlungs-, Wissens- und Orientierungssysteme. Diese Technisiertheit des Alltags wurde von den Studierenden empirisch und theoretisch aufgearbeitet. Die Ergebnisse der Forschungsarbeiten wurden für die Ausstellung interpretierend verdichtet und – zum Teil ironisch überspitzt – als „Erfahrungstopoi“ der mobilen Kommunikation in Szene gesetzt. Ziel war eine „lebendige Ausstellung“. Die Besucher konnten ausprobieren, sich austauschen und vor allem ihre eigenen Deutungen einbringen. So verzichtete die Ausstellung weitestgehend auf erklärende Texte, vielmehr sollte im Dialog mit Inszenierungen und anderen Besuchern Kommunikation in ihrer alltäglichen, technisierten Form nicht nur greifbar, sondern auch diskutiert werden. Insgesamt luden elf Ausstellungsmodule zum Nachdenken und zum Austausch ein: Zu Beginn kennzeichneten die Module Visionsbox und Opferbox das Spannungsfeld zwischen Zukunft und Vergangenheit, in dem sich unsere Gegenwart bewegt. In der Visionsbox konnten sich die Besucher ihre ganz persönlichen Kommunikationsvisionen per E-Mail in die Zukunft schicken. Die Opferbox – eine ausgediente, gelbe Telefonzelle – gehört dagegen schon fast der (Kommunikations-)Vergangenheit an. Dort überspitzte eine Klanginstallation gegenwärtige mobile Kommunikationsanforderungen und -erwartungen. In der Bedeutungswerkstatt hatten die Besucher die Möglichkeit, eigene Erfahrungen des Umgangs mit Mobiltelefon und E-Mail zu hinterlassen. Wie unterschiedlich deren „Sitz im Leben“ bewertet wird, zeigte sich nicht nur dort, sondern auch in Interviews zur Telearbeit, denen die Besucher an Hörstationen lauschen konnten. Das Modul Aufhebung von Zeit und Raum erforderte dann wieder die Beteiligung der Besucher: Sie konnten „gefühlte Entfernungen“ zeichnerisch in Szene setzen. Im Anschluss ermöglichte ein Film von David Hohndorf die Beobachtung des homobil. Er zeigte, wie selbstverständlich wir mittlerweile das Handy in unseren Alltag einbauen. Unser durchaus widersprüchliches Verhältnis zu den Dingen thematisierten auch die folgenden zwei Module. Im Modul De-Sign regten unterschiedliche Handymodelle, ein Film und die Assoziationstapete zum Nachdenken über Form, Material und Farbe des Mobiltelefons an, während nebenan – im Modul Vergängliche Gegenwart – Alt-Handys in unterschiedliche Müllkategorien von „unhandlich“ bis „uncool“ sortiert werden konnten. Den letzten Themenkomplex bildete die Interaktion von Mensch und Maschine. Wie wir uns auch körperlich vom Handy vereinnahmen lassen, zeigten großformatige Bilder der Fotografin Nanine Renninger (Körper-Maschine). Eine andere Art der Mensch-Maschine-Kommunikation eröffnete schließlich „Emma“ – das „nicht-menschliche Wesen“. Die interaktive Installation warf die Frage auf: Können Maschinen tatsächlich handeln?
  • KassettenGeschichten (Gerrit Herlyn, Thomas Overdick)
  • Technik-Utopien als Zeitspiegel. Wunschwelten der Kommunikation. (gefördert von der Schweiz. Stiftung für Kommunikation)

Technisierung

  • Lebensreise (mit) der Kutsche - Zur kulturellen Dynamik der Beziehungen von technikinduzierter Lebensgestaltung und lebenspraktischer Technikgestaltung (Dissertation: Ulrich Dienhart)Es gab und gibt viele Ideen und Anstöße, mit Hilfe von Technik mobil sein zu können, die Welt zu er-fahren. Kutschen bilden insofern eine interessante Gruppe von Realisationen solcher Ideen, als zwischen dem Auftreten eines im Alltag wahrnehmbaren Verkehrsmittels bis zu ihrem Verschwinden aus dem Alltagsbild ein Zeitraum von gut 300 Jahren liegt. In dieser Lebenszeit hat sich eine große Vielfalt von Ausprägungen des Artefakts »:Kutsche«, des Umgangs mit ihr sowie ihrer lebens- und kulturgeschichtlichen Bedeutungen entfaltet. Dies ist die historische Perspektive auf das Gewordene. Aus heutiger Perspektive auf die 300jährige Geschichte eines Verkehrsmittels geblickt stellt sich vor allem die Frage nach dem Werden, nach dem Wesen des Neuen, das Altes ablöst. Dann steht das Gewordene nicht mehr im Mittelpunkt einer Kulturanalyse, sondern es wird zur Quelle, zur Spur seines Werdens. Nicht das Neue selbst, sondern dessen Werden ist das Thema, nicht was geworden ist, auch nicht wozu, sondern wie es initiiert wurde und wie es sich entfalten konnte - und wieder verschwand.

    Dazu ist »die Kutsche« - eigentlich ein hybrides Ensemble aus Technik, Tier, Mensch, Fahrsystemen und Fahrwegen, Politik, Reisekultur, Organisation, Ideen... - ein geeignetes Studien"objekt", eingebunden in ein Netz von kulturbedingenden wie auch kulturbedingten Prozessen der Ablösung etablierter Praktiken (Reisen zu Fuß oder zu Pferd), der technisch-organisatorischen Innovationen, der Verbreitung und Demokratisierung (Fahrpost), der Konkurrenz (Eisenbahn, Dampfschiffe) sowie des Verdrängtwerdens (Automobil, Fahrrad, Motorrad). Interessant ist der Blick auf diese Praktiken unter den Aspekten Stabilität und Sensibilität des Etablierten gegenüber Ereignissen, Veränderungen, »Neuerungen« von innen und/oder von außen. Wie kommt es, dass sich auf einmal einzelne Impulse, bestimmte Umgangsformen, Wagenmoden, Fahrweisen, Reisepraxen oder etwa ganz neue Verkehrssysteme durchsetzten - oder eben auch scheitern? Was stiftet gemeinsamen Sinn im Umgang mit Technik in spontaner oder »verordneter« Form? Eine solche Perspektive beinhaltet ebenso den Blick auf Kommunikation, Medien, Verordnungen und Gesetzgebung.

    Dabei geht es um die Ordnung der Prozesse des Werdens selbst: In der Technikforschung dominieren bis heute zwei Sichtweisen: Die eine betont das Deterministische, d.h. sie sucht nach den »Gesetzmäßigkeiten«, nach den Mechanismen, die die Verläufe des Werdens bestimmen. Die andere hingegen hebt vor allem auf den Umgang, den individuellen Kontext und auf Kontingenzen ab. Demgegenüber soll nun in einer speziell kulturwissenschaftlichen Auseinandersetzung eine intermediäre Perspektive entwickelt werden, die es ermöglicht, typische Verläufe von Neuerungen in den exemplarischen Ensembles zu verstehen, ohne jedoch die Autonomie und Kreativität des Unvorhersehbaren, des Andersartigen, des Eigensinnigen, des Spielerischen zu vernachlässigen.

    In einer solchen Perspektive lässt sich am Beispiel »der Kutsche« aus einem breiten Spektrum historischer Quellen eine Konzeption zur Analyse der Dynamik des Werdens entfalten. Dieses ermöglicht auch, über bestehende Deutungshorizonte hinauszugehen. So muss z.B. die Interpretation von Mobilität nicht bei einem Verständnis als Prozess der Verflüssigung mit einhergehender Individualisierung der Gesellschaft stehen bleiben. Mobilität kann vielmehr geradezu als Bedingung bzw. Mittel für neue Ordnungen gesehen werden.
  • Von der Technisierung der Alltagswelt zum alltäglichen Umgang mit Technik (Dissertation: Andreas Reucher) Etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgten mehrere rasch aufeinanderfolgende Technisierungsschübe, die nach und nach alle Bereiche der Bevölkerung erreichten. Exemplarisch am Gebiet der im sogenannten Elbe-Weser-Dreieck liegenden, heutigen Landkreise Stade, Cuxhaven und Rotenburg (Wümme) sollen die Technisierungen in bezug auf ihre Widerspiegelungen in zeitgenössischen Quellen untersucht werden. Das Untersuchungsgebiet vereint - historisch gesehen - ländliche bis städtische Strukturen in vielfältigen Ausformungen, und wies ebenso agrarische, gewerbliche und industrielle Merkmale in einer großen Bandbreite auf.Die historischen Quellen für die Untersuchung stammen in erster Linie aus behördlichem und privatem Archivgut, wobei insbesondere die gemeinhin weniger beachteten Bestände kleinerer Archive, Museen und Privatsammlungen erschlossen werden sollen. Daneben werden auch Sachquellen wie z.B. Bauwerke und technische Artefakte berücksichtigt.Das Ziel der Arbeit besteht darin, das unterschiedliche Erscheinen von exemplarischen Technologien und der zugehörigen technischen Artefakte bei ihrem ersten Auftreten und im Prozeß ihrer (jeweils unterschiedlich ausgeprägten) Veralltäglichung in den Quellen herauszuarbeiten und zu analysieren. Technische Innovationen veränderten grundlegend die Bereiche der Kommunikation (Telegraph, Telefon, Radio), der Mobilität (Eisenbahn, Automobil, Fahrrad) und der Arbeit (Dampfmaschinen, elektrische Kraftanlagen, gewerbliche und private Maschinen). Sie sollen auf die ihnen zeitgenössisch zugeschriebenen Bedeutungen und Bewertungen hin untersucht und miteinander verglichen werden. Der Vergleich soll die Art und Weise analysieren, wie, d.h. in welchen Quellen und mit welchen expliziten und impliziten Zuschreibungen, die Technik erscheint.Im Zentrum der Arbeit soll nach der Erfahrungsebene gefragt werden, wie die Menschen technische Innovationen aufnehmen, bewerten, in ihren Alltag integrieren, ihr Vorhandensein dokumentieren und nach außen tragen - und wie im Verlauf die Ausdrucksformen und damit die Erfahrungen sich entwickeln. Demgegenüber kommt der Erarbeitung einer an den Technologien, Systemen und technischen Artefakten orientierten Geschichte der Technisierung des Untersuchungsgebietes eine untergeordnete, wenngleich grundlegende Bedeutung, zu.

Technisiertheit der Klangwelt

  • Klangwelt der Technik (DFG-Projekt: Uta Rosenfeld, Johannes Müske) Klangwelt der Technik ist ein Teilbereich des Kollegs Kulturwissenschaftliche Technikforschung, angesiedelt am Institut für Volkskunde der Universität Hamburg, das aus Mitteln des Leibniz-Programms der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert wird.
    Klangwelt der Technik ist eine Kooperation zwischen Kulturwissenschaft, Rundfunkarchiven und Medienanstalten.
    Klangwelt der Technik bringt Alltagsgeschichte zum Klingen und vermittelt akustische Fundstücke und alltagsgeschichtlich wichtige Hörquellen an ein breites Publikum.
    Klangwelt der Technik arbeitet mit und verarbeitet O-Töne von den Anfängen der Ton-Aufzeichnung bis heute – quer durch alle Genres (Hörfunkbeiträge, Sketche, Hörspiele, Interviews, Musik und Sounds). Zudem werden auch selbst erhobene Interviews und aufgenommene Soundscapes verwendet.
  • Klänge und Töne als cultural property? (Thomas Hengartner, Johannes Müske)

Technotope

  • Technik und Alltag an Bord. Handelsschifffahrt im 20. Jahrhundert (Dissertation: Anne Dombrowski)

Widerständiges Handeln mit Technik

  • Forschungsprojekt: Protest als Medium – Medien des Protests, Universität Luzern (Marion Hamm) Das vom Schweizer Nationalfonds geförderte Forschungsprojekt Protest als Medium – Medien des Protests an der Universität Luzern (2006-2012) untersucht den Medieneinsatz aktueller Protestbewegungen. Ausgehend von der globalisierungskritischen Bewegung (bekannt durch Massenproteste wie die von Seattle und Genua) hat es seit 2004 eine flexible organisatorische Neuverknüpfung einzelner Gruppen entlang des Themas prekarisierter Arbeits- und Lebensbedingungen gegeben. Die Flexibilisierung, Feminisierung und Prekarisierung „postfordistischer“ Beschäftigungsverhältnisse, seit einigen Jahren Thema sozialwissenschaftlicher Untersuchungen, wird von sozialen Protestbewegungen öffentlich thematisiert. Dieser Protest wird u.a. in den jährlich in verschiedenen europäischen Städten stattfindenden MayDay-Paraden sichtbar. Das Projekt untersucht den konkreten Medieneinsatz dieser aktuellen Protestbewegung im Zusammenhang mit der allgemeinen gesellschaftlichen und medialen Funktion von Protest als solchem. Ein theoretischer Projektteil untersucht aus der Perspektive von Medientheorie, politischer Soziologie und politischer Theorie die allgemeine Funktion von Protest als Medium. Im Zentrum der diskursanalytisch und ethnographisch ausgerichteten empirischen Projektteile steht die Verwendung von (Gegen-)Medien – den Medien des Protests.
  • Temporäre Raumgestaltung (Arbeitstitel) (Katrin Klitzke)